Einer von uns

Wenn ein Hund bei uns einzieht, wissen wir meistens nicht, wie lange er bleiben wird. Manche bleiben ein paar Monate, finden im besten Fall irgendwann Menschen, bei denen es einfach passt, andere bleiben Jahre und manche bleiben für immer, weil sie draußen in dieser ziemlich engen Vorstellung davon, wie ein Hund zu sein hat, schlicht keinen Platz gefunden haben. Zu laut, zu ernst, zu schnell, zu kompromisslos, zu aggressiv, zu schwierig oder einfach zu viel Hund für eine Welt, die gerne einen Sozialpartner auf vier Beinen hätte, der möglichst überall mitkommt, jeden mag und ansonsten bitte nicht weiter auffällt.

Und genau für die, die aus dieser verzerrten Vorstellung heraus krachen, haben wir diesen Ort hier aufgebaut.

Die, die einfach niemals in das System gepasst haben, in das man sie unbedingt hineinpressen wollte. Hier müssen sie kein perfektes Hollywood-Hundeleben vorspielen, hier dürfen sie einfach Hund sein. Schlafen, fressen, durch den Dreck rennen, sich auch mal in Kuhscheiße wälzen, streiten, Grenzen kennenlernen, Freundschaften schließen, Blödsinn machen, liebhaben, Abstand einfordern, Nähe suchen und morgens wieder aufstehen, ohne dass irgendjemand von ihnen erwartet, heute endlich mal ein bisschen „normaler“ zu sein.

Und wenn’s dann doch mal kracht, dann setzen wir uns an einen Tisch, trinken gemeinsam Met und besprechen, wie man hier ordentlich miteinander umgeht. Ungefähr so funktioniert das hier seit vielen Jahren.

Das Herzstück unserer Arbeit

Das Herzstück unserer Arbeit und gleichzeitig das, was die Hellhound Foundation vielleicht am meisten ausmacht, sind unsere festen Hundegruppen. Denn wir wollten nie einen Ort schaffen, an dem Hunde, die draußen schon aus allen möglichen Systemen gefallen sind, am Ende einfach nur in einem anderen System verwahrt werden.

Unsere Hunde leben miteinander, mittendrin, in festen sozialen Strukturen, die über viele Jahre gewachsen sind und sich trotzdem immer wieder verändern, wenn einer geht oder ein neuer dazukommt. Natürlich gibt es Hunde, die zeitweise einen geschützten Rahmen brauchen, weil erhöhtes Konfliktpotenzial und Sicherheit eben keine romantisierten Nebenschauplätze sind, wenn viele Hunde mit ziemlich unterschiedlichen Geschichten, Charakteren und Vorstellungen vom Leben zusammenkommen, aber auch sie gehören dazu. Sie erleben Alltag, Menschen, Hunde, Bewegung, Ausflüge, Wechsel, Ruhe und Gemeinschaft. Immer in dem Rahmen, den der einzelne Hund tragen kann. Denn Hund sein bedeutet für uns eben nicht nur satt, sauber und sicher zu sein, sondern Sozialkontakte zu haben, Entscheidungen treffen zu dürfen, Grenzen zu erleben, sich zurückziehen zu können, Beziehungen aufzubauen und Teil von etwas zu sein.

Das mag jetzt komisch klingen, aber das vielleicht Schönste daran sind diejenigen, die schon länger hier sind, die haarscharf dem Tod von der Klinge gesprungen sind, weil sie nicht ins Bild gepasst haben. Diese totgeglaubten Hunde leiten irgendwann die Neuankömmlinge in der Gruppe an, setzen Grenzen, ohne unnötig emotional angefasst zu sein, geben Sicherheit, ohne ständig Nähe einzufordern und erklären einem neuen Hund, wie es hier in der Hölle läuft.

Jeder findet hier irgendwann seinen Platz und manche sogar ihren Job und wenn man lange genug hinsieht, merkt man, dass da keine zufällig zusammengewürfelte Ansammlung schwieriger Hunde herumläuft, sondern eine eingeschworene Gemeinschaft entstanden ist, die sich immer wieder verändert, neu sortiert, auffängt und weiterträgt.

Bis einer geht

Was man auf Social Media kaum zeigen kann, ist, wie sehr sich unser kompletter Alltag um genau diese einzelnen Individuen herum aufbaut, denn jeder hat seine Abläufe, seine Bedürfnisse, seine Menschen, seine Eigenarten.

Du gehst jeden Tag dieselben Wege, greifst zu denselben Näpfen, öffnest dieselben Türen und weißt irgendwann, wer wann wo stehen wird, wer zuerst raus möchte, wer noch fünf Minuten braucht, wer wen nicht leiden kann und wer sich ausgerechnet zu dem einen Hund legt, bei dem es eigentlich niemand erwartet hätte. Und irgendwann denkst du darüber gar nicht mehr nach, weil es zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Bis einer geht. Und plötzlich stehst du mit einem vollen Napf in der Hand da und denkst: Den muss ich noch füttern. Ach nee. Musst du nicht mehr.

Genau diese kurzen Momente machen einem dann nochmal schmerzlich bewusst, wie groß die Lücke eigentlich ist. Denn wenn einer unserer Hunde stirbt, fehlt nicht einfach „nur ein Hund“, da fehlt ein Teil einer Gruppe, ein Teil einer Struktur und ein Teil unseres Alltags und manchmal verändert ein einziger fehlender Hund eine ganze Dynamik, weil da eben nicht irgendeine Nummer aus einem Bestand gegangen ist, sondern jemand, dessen Anwesenheit über Monate oder Jahre so selbstverständlich geworden ist, dass man erst merkt, wie viel Raum er eingenommen hat, wenn dieser Raum plötzlich leer ist.

Ein würdevoller letzter Weg

Vielleicht ist genau deshalb auch der letzte Weg für uns ein Teil unserer Arbeit, denn keiner unserer Hunde verschwindet nach seinem Tod einfach irgendwo hinter einer Tierarzttür. Wir holen sie nach Hause und machen sie sauber, wenn Krankheit, Klinik, Operation oder einfach der Tod selbst Spuren hinterlassen haben, die nicht das Letzte sein sollen, was von ihnen bleibt. Die Lieblingsdecke wird noch einmal frisch gewaschen, sie tragen einen Hellhound-Pulli auf ihrem letzten Weg, Blumen von unserem Gelände oder irgendetwas anderes, das zu ihnen gehörte. Und dann fahren wir sie selbst ins Tierkrematorium. Jeden einzelnen.

Natürlich kostet auch das Geld, die Einäscherung und alles drumherum. Wirtschaftlich betrachtet könnte man sagen: Der Hund ist tot. Die Versorgung ist vorbei. Aber so funktioniert das hier nicht.

Nicht nach Monaten oder Jahren, in denen du jeden Morgen aufgestanden bist und wusstest, dass dieses Lebewesen heute wieder ein Teil deines Tages sein wird, nicht nachdem du gelernt hast, seine kleinsten Blicke zu lesen, seine Macken kennst und genau weißt, wann du führen musst und wann du einfach mal die Klappe halten und ihn Hund sein lassen solltest.

Denn wer zu Lebzeiten zu unserem Team gehört hat, gehört nicht plötzlich nicht mehr dazu, nur weil sein Herz aufgehört hat zu schlagen. Viele dieser Hunde haben in ihrem Leben oft genug erfahren, wie schnell Menschen sie abschreiben, abschieben und verschwinden lassen können, wenn sie unbequem werden, wenn aus dem süßen Welpi plötzlich ein gestandener Hund mit Meinung wird oder wenn das Bild im Kopf nicht mehr zu dem Tier passt, das da tatsächlich vor einem steht. Wir können all das nicht ungeschehen machen, was vor uns passiert ist, können ihnen keine verlorenen Jahre zurückgeben und ihnen auch kein perfektes Leben versprechen, aber wir können ihnen versprechen, dass sie hier einen Platz haben, mit allem, was sie mitbringen, mit ihren Macken, ihren Grenzen, ihrer Wut, ihrer Lebensfreude und diesem manchmal völlig absurden Paket, das einen Hund eben zu genau diesem einen Hund macht. Mitten im Leben, solange sie da sind. Und einen würdevollen letzten Weg, wenn sie gehen.

Ein Ort, an dem du einfach sein darfst

Ob ein Hund drei Monate bei uns war oder zehn Jahre, ob er irgendwann wieder in ein eigenes Zuhause gezogen ist oder seinen letzten Atemzug bei uns gemacht hat… jeder einzelne von ihnen ist der Grund, warum wir diesen ganzen Wahnsinn jeden Tag wieder machen. Mit all der Zeit, dem Geld, der Verantwortung und den riesigen Stücken unseres eigenen Lebens, die manchmal auch dabei draufgehen. Nicht weil wir glauben, jeden Hund reparieren zu können und auch nicht, weil am Ende jeder von ihnen doch noch irgendeine gesellschaftlich akzeptierte Version seiner selbst werden muss, sondern weil manchmal vielleicht genau das die zweite Chance ist: nicht noch ein Mensch, der versucht, aus dir etwas anderes zu machen, sondern endlich ein Ort, an dem du einfach sein darfst.

Und wenn am Ende von all dem etwas übrig bleiben soll, dann vielleicht genau das: wenn er irgendwann geht, dann geht er als einer von uns.

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