Jamie

Tierschützer haben ein großes Herz. Wie groß? Das weiß nur Jamie.

KEINER strapaziert, provoziert und malträtiert SEIT JAHREN so zielgerichtet und selbstgefällig die Gemüter von Menschen, die Tiere eigentlich wirklich mögen und auch bereitwillig Opfer bringen. Manche verzichten auf Fleisch, manche teilen ganze Wohnräume und geben sich mit dem Platz vor dem Sofa zufrieden. Andere opfern jede freie Minute, um in Tierheimen und bei Hilfsprojekten mitzuhelfen. Sie schlafen schlecht, weil ihnen die vielen schlimmen Bilder vom Elend der Tiere sehr zusetzen und gerade diese guten Seelen trifft Jamie mit seiner Geschichte, um Weltbilder von dankbaren geretteten Tieren zu erschüttern sowie jegliche Hoffnung man müsse einer geschundenen Seele nur die nötige Liebe zukommen lassen, im Keim zu ersticken. All das ist Jamie egal, ganz fürchterlich egal sogar.

Doch was ist passiert, dass er solch eine miese Beschreibung erhält?

Jamie startete als Welpe (Dobermann-Mischling) in Polen, aus einem Shelter befreit kam er nach Deutschland und wurde zum Wanderpokal, da ihm kurz nach seiner Ankunft die Interessenten absprangen. Aus der Not heraus geriet er an eine scheinbar nette Familie, wo er vorerst oft laut im Garten bellte, dann aber von der Bildfläche verschwand. Man fand ihn nach einigen Wochen bei einer Durchsuchung der Wohnung in einem komplett abgedunkelten Raum mit zugebundener Schnauze an einem Heizkörper befestigt. Er bestand nur noch aus Haut & Knochen und lag in Fäkalien. Die Hinterbeine waren von Wunden übersäht. Man ging auch davon aus, dass er sexuell missbraucht worden ist. Halbtot lieferte man ihn in eine Klinik ein, er überlebte und landete im Tierheim.

Zum aufpäppeln kam er dann auf eine Pflegestelle, wo er sich sehr schnell erholte: er legte Gewicht zu und zeigte sich vorerst nett. Einestages allerdings zeigte er erste Anzeichen eines Traumas, indem er mit dem Blick ins Leere aus heiterem Himmel anfing zu knurren. Sprach man ihn an, kam er direkt freudig angelaufen. Um das Knurren zu verhindern, lenkte man ihn mit Ballspielen ab, doch Jamie seine Traumaanzeichen steigerten sich. Zu dem Knurren begann er sich im Kreis zu drehen. Wenig später verbiss er sich in seinen eigenen Hinterbeinen. Zudem ließ er sich nicht gerne am Rücken, Bauch oder der Rute anfassen. Ihm im Intimbereich eine Zecke zu entfernen war undenkbar. Nach ein paar Monaten und einer 24 stündigen Attacke gegen sich selbst - die nur dadurch unterbrochen werden konnte, indem man ihn konstant festhielt und in deren späteren Verlauf er durch einen Tierarzt Valium bekam - warf die Pflegestelle das Handtuch und Jamie wanderte weiter in eine hundeerfahrene Pension. Da er in der Pension durchdrehte sobald er

  • alleine bleiben sollte,
  • beim Kot absetzen Probleme hatte,
  • nicht im Mittelpunkt stand,
  • aufwachte & es dunkel war oder
  • andere Hunde spielten,

kam er von dort aus zu einer Kollegin. Sie erarbeitete mit ihm zunächst Alternativverhalten und brachte ihm bei vor Geschäften etc. zu warten, während sie kurz einkaufen ging. Er schlief bei ihr mit im Bett und lebte integriert in einer Hundegruppe. Um ihn alleine zu lassen, reicht Hundekontakt jedoch nicht aus; es muss ein Mensch anwesend sein. D.h. im Klartext, Jamie braucht eine 24 Stunden-Betreuung. Diese hat er bei mir (Vanessa) nun seit 2012. Ich nahm ihn auf, da er bisher allen die Nerven geraubt hat und schon des Öfteren Euthanasie zur Debatte stand. Denn Jamie ist trotz menschlicher Gegenwart nicht gelassen oder friedlich. ALLES was ihn stört quittiert er umgehend mit einer Attacke gegen sich selbst. Beispiele, bei denen er sich täglich attackiert:

  • Sichtung eines Hundes, den er oder sein Halter nicht mag
  • hereinkommen eines Menschen, den er oder sein Halter nicht mag
  • zufallen einer Tür oder die Klingel einer Tür
  • das Geräusch, wenn jemand Treppen benutzt
  • im Kofferraum mitfahren oder das Einbiegen in die Hofauffahrt
  • das menschliche wenden nachts im Bett
  • nicht mit auf die Damentoilette können
  • beim Duschen den Vorhang vorziehen
  • zu fröhliche/angeregte Unterhaltungen
  • zu Weihnachten

Noch circa 1000 weitere Gründe lassen Jamie aus der Haut fahren. Bei wichtigen Telefonaten liegt er prinzipiell unter dem Tisch o.ä. und bellt & knurrt. Mit Freunden kann man stundenlang telefonieren, mit einem Arzt keine Minute. Selbst unterhält er sich gerne mit Abfluss- und Lüftungsgittern, er legt sich zielgerichtet davor, stellt die Ohren auf und murrt monoton los.

Er legt sich überwiegend an die engsten und unbequemsten Stellen, egal wo wir sind. Seine Geschäfte verrichtet er immer dann und dort, wo es am auffallendsten ist, z.B. mitten auf dem Gehweg, obwohl er alle Zeit der Welt auf der Wiese hatte oder auf einem Misthaufen, wo einem sämtliche Scheiße um die Ohren fliegt, wenn es bei ihm mal wieder hakt und er sich ausflippend im Kreis dreht.

Während eines eigeninitiierten Jagdausfluges bei seinem ehemaligen Halter, konnte er stundenlang weg bleiben ohne sich ein einziges Mal zu attackieren. Manchmal (kommt aber selten vor) kann er sich auch zwei bis drei Stunden alleine an einen selbstgewählten, schattigen Platz legen ohne einen Ton von sich zu geben. Da fragt man sich irgendwann wie groß das tierliebe Herz denn eigentlich ist.

Vermutlich ist es besser Jamie seine Geschichte nicht genauestens zu studieren und zu wissen welche Gestalten da draußen zu was fähig sind oder die Hoffnung zu haben ihn zu "heilen", denn nach einer ganzen Reihe von Tierärzten, Hundetrainern und Trainings- sowie Managementmöglichkeiten, weiß niemand mehr Rat, um die Autoaggression zu stoppen. Mittlerweile ist er auch schon neun Jahre alt. Für uns ist klar, dass er ein paar Schrauben locker hat, geräuschempfindlich und traumatisiert ist. Er ist oft wütend, selbstzerstörerisch und rückt sich mit seiner Unzufriedenheit in den Mittelpunkt. Trotzallem hat er täglich auch schöne Momente in denen er rennt, spielt, kuschelt, schläft (wenn auch zu wenig für einen Hund), Essen klaut, badet, etc. Wäre er ein Mensch, könnte man bei ihm die Erkrankung Borderline diagnostizieren. Damit lässt es sich aber auch steinalt werden.

Wir mögen Jamie und nehmen es mit Humor, wenn er an einem sonnigen Tag von seinem Umfeld für sein artiges Auftreten bewundert wird, um dann innerhalb von Sekunden eine ganze Eisdiele zu sprengen. Er ist der lästigste & treueste Begleiter, den man haben kann. Er hat die Hölle gesehen und inszeniert sie perfekt. Er ist & bleibt wohl ein Hellhound und damit kommen wir klar..!