Über Qualzucht

Vermehrt sieht man sie auf den städtischen Gehwegen, in Parkanlagen, auf Wiesen und Feldern: die Chihuahua-Zwerge, die riesigen Doggen und die schaukelnd laufenden Schäferhunde. Natürlich sieht man noch mehr und man hört auch so einiges: Lange Sabberfäden, die aus dem Mastino Napoletano hängen sowie zurückhaltende Aussis, die aufgrund ihrer Taubheit gar nicht hören wie der Mops neben ihnen nach Luft röchelt.

Die Äußerlichkeiten, wie z.B. ein Überragen des Unterkiefers beim Boxer oder ein Ridge auf dem Rücken beim Rodesian, waren und sind oftmals ausschlaggebend bei der Wahl und dem Kauf eines Hundes. Manchmal ist genau das was die Käufer so entzückt, nur das Ergebnis jahrelanger Zucht in die weit entfernte Richtung des Ursprungs. Wenn man sich eine französische Bulldogge neben einem Wolf vorstellt, wird einem eigentlich sofort klar, dass da nicht mehr viele Gemeinsamkeiten bestehen. Die Rassestandards unterstützen das Ganze leider. Ein Basset ist ein Niederläufer (nebenbei mit herunterhängendem Lid) und die Schädelhaut des Shar Pei ist faltig und sein Fang gleicht dem eines Nilpferdes. Fellfarben wie braun, schwarz, beige, rot oder weiß sind längst nicht alle Farbtöne, die man auf Hundewiesen zu sehen bekommt. Silber, blau und mit Merle-Faktor gibt es die Haarkleider mittlerweile zuhauf.

Die Liste der Folgen solcher Züchtungen ist sehr lang, von A wie Augen-Anomalie bis W wie Wasserkopf. Die Quälerei erfolgt durch G wie Genetik und I wie Inzucht in der Verantwortung der Züchter, die teilweise gezielt und ausschließlich nach dem äußeren Erscheinungsbild selektieren. Außer Acht gelassen werden dabei die gesundheitlichen Folgen und Beschwerden des Hundes, die dieser sein Leben lang ertragen muss. Ebenso irrelevant sind die nötigen Behandlungskosten, der Aufwand des Managements, damit der Hund den Alltag einigermaßen erträglich übersteht und die emotionale Belastung aufgrund der niedrigen Lebenserwartung, die der Käufer ggf. trägt.

Die Liste der oft betroffenen Hunderassen ist ebenfalls lang, von A wie Australian Shepherd bis X wie Xoloitzcuintle (Mexikanischer Nackthund). Käufer sollten sich vor der Anschaffung des vermeintlichen Traumhundes genauestens über die Rasse und ihre häufig auftretenden Krankheiten und Beschwerden informieren. Außerdem ist die Auswahl des Züchters entscheidend, da es leider noch viele schwarze Schafe unter ihnen gibt. Papier, welches die Gesundheit nachweist, ist geduldig.

In vielen Haushalten leben zwar zunehmend Mischlinge aus "wilden Straßenkreuzungen", dennoch bleibt die Nachfrage nach reinrassigen Welpen aufrecht. Damit Qualzuchten mit all ihren Nebeneffekten zukünftig deutlich seltener auftreten und keine neuen hinzukommen, sollte das Ziel sein, die Lebensqualität aller Hunde zu verbessern indem man die Züchter, Zuchtrichter und Käufer aufklärt. Es wäre schade, wenn bestimmte Hunderassen aufgrund ihrer genetischen Disposition aussterben würden. Daher ist das Abraten von dem Kauf eines von Qualzucht betroffenen Hundes vom Züchter allein nicht ausreichend. Entscheidend ist auch das Umdenken derer, die noch dafür verantwortlich sind, dass immer wieder neue Welpen mit gravierenden, erblich bedingten, gesundheitlichen Schäden zur Welt kommen. Solange bei der Reproduktion keine Selektierung (außerhalb des Flaschenhals-Genpools) stattfindet, werden nicht weniger Gendefekte auftreten. Bei der Auswahl der Elterntiere sollte das Augenmerk auf die Balance zwischen Wesen und Gesundheit des Hundes gelegt werden.

Von Qualzucht betroffene Hunde, die z.B. über ein Tierheim ein neues Zuhause suchen, sollten deshalb nicht länger als andere auf eine Adoption warten müssen. Die Wurzeln des Problems werden dadurch nicht verändert.