Kalle

Rasse

Golden Retriever

Geboren

ca. 2001

Geschlecht

männlich (kastriert)

Farbe

helles beige

Größe/Gewicht

ca. 56 cm / 27 kg 

Wesen

alt, stur, renitent

Verhalten gegenüber Kindern

braucht er nicht

Verhalten ggü. Erwachsenen

braucht er nicht

Verhalten ggü. Artgenossen

mit allen verträglich

Verhalten ggü. anderen Tieren

recht interessiert, wenn er sie sieht oder hört

Gehorsam/Leinenführigkeit

sagen wir mal so, wenn Kalle will dann kommt er auch

Schlechte Erfahrungen/Ängste:

mittlerweile keine mehr

Stubenrein

ja

Alleine bleiben

sehr gern

Autofahren

ist ihm zu schnell

Gesundheit

altersbedingt klemmt's hier & da

Abgabegrund

bissig, panisch & unberechenbar

Neues Zuhause

Paten oder ein wirklich ruhiger Gnadenplatz wo man ihn so nimmt wie er ist

Bei uns seit

06.2012

Kalle kam 2011 zu mir auf den Hof. Ein befreundeter Hundeausbilder hatte mich angerufen und gebeten mit ihm zu Kalle seiner Familie zu fahren um den Hund einzuschätzen, da er bereits mehrfach gebissen hatte und man darüber nachdachte ihn einzuschläfern. Bei den Leuten angekommen begrüßte uns ein etwas stürmischer schwarzer Labrador. Von Kalle keine Spur. Man verwies uns auf die Wohnung im Obergeschoss des Mehrfamilienhauses, wo wir freundlich von Kalles Besitzern begrüßt wurden. Kalle kam nicht mit zur Tür. Wir traten ein und erst als der Labrador und die Familie sich wieder ruhig verhielten trabte Kalle in geduckter Haltung in die Küche. Die Augen waren glasig, der Blick starr, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Die Rute hing nach unten, deren Spitze wedelte angespannt. Er lief einmal rund, nahm unsere Gerüche auf, knurrte und verschwand wieder im Wohnzimmer. Dies wiederholte er in der Stunde in der wir der Familie lauschten achtmal.

Beide Hunde machten einen gepflegten, der Labrador einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck. Diesen hatte die Familie bereits seit Welpenalter an  und schien sehr glücklich mit ihm. Kalle kam von der Retriever-Nothilfe, hatte bereits sechs andere Pflegestellen und war auch schon dreimal von Interessenten übernommen und dann wieder zurück gebracht worden. Die Familie hatte Kalle im Internet zur Vermittlung stehend gesehen und Interesse bekundet. Kurz darauf habe man ihnen Kalle vorbei gebracht, sie kurz über sein Wesen aufgeklärt und ihn dann übereignet. Was bedeutet, dass er im Falle von Schwierigkeiten nicht mehr an den Verein zurückgegeben werden konnte. Man hatte die Verantwortung durch die Übereignung an Kalles neue Besitzer abgegeben. Etwas schockiert aber frohen Mutes blieb die Familie zurück und gab ihr bestes. Wie sich heraus stellte war Kalle allerdings nicht nur bissig sondern auch außerordentlich verhaltensauffällig. So ging er nicht raus und nicht einmal die Treppen herunter. Hortete Sachen, die er in der Wohnung aufgriff und gab sie nicht mehr her. Von dem anderen Hund nahm er keine Notiz, schlich den ganzen Tag wie ein Gespenst durch die Wohnung und fühlte sich schnell bedrängt - was ihn dazu veranlasste zu attackieren. Lag er unter dem Küchentisch, konnte die Familie diesen nicht benutzen. Er hatte schon öfters den Kindern in die Waden geschnappt und deren Vater in die Hand gebissen, als dieser versuchte ihm ein Stück Paketband aus dem Fell zu entfernen.

Kalle kam mir sehr gestresst sowie in sich gekehrt vor. Er rannte wie ferngesteuert immer wieder in die Küche, drehte seinen Kreis und verschwand wieder. So fing ich ihn gegen Ende des Gespräches mit einer Retrieverleine ein und zog ihn wie einen Klotz hinter mir her bis wir am Auto waren. Kalle urinierte dabei den ganzen Flur voll. Es dauerte gute 20Minuten, gefüllt mit knurren, schnappen, attackieren oder erstarren, bis ich ihn im Auto hatte.

Zu dem Zeitpunkt war ich mit meiner Hundegruppe bei einem befreundeten Musher-Pärchen und lebte auf einer 5000 qm eingezäunten Wiese in einem Bauwagen. Ich nahm Kalle unter erneutem Protest aus dem Auto und zog ihn bis hoch zu unserer Wiese. Dort machte ich die Leine ab und ließ ihn laufen. Kalle verschwand sofort unter dem aufgebockten Bauwagen und blieb dort auch die nächsten drei Tage knurrend liegen. Hunde, die unter dem Bauwagen Schatten vor der Mittagssonne suchten, erlebten ihr blaues Wunder und wenn Kalle zum Fressen kam musste sich alles im Umkreis von fünf Metern zwischen die Bäume retten. Sogar Schmetterlinge wurden totgebissen.

Nach drei Tagen in denen ein Monster unter dem Bauwagen wohnte reichte es mir und ich versuchte Kalle herauszulocken. Einen völlig ruinierten Besen und zwei zerbissene Retrieverleinen später warf ich einen Wassernapf auf den Reifen des Bauwagens als plötzlich Bewegung in die Geschichte kam und ich um mein Leben rannte. Das Geräusch von Metall ließ Kalle nach vorne schießen um mich anzugreifen. Natürlich war er schneller als ich und erwischte mich am Oberschenkel wo er seine Zähne versenkte. Dann ließ er ab und ich rannte weiter. Er folgte mir gute 300 Meter bis er sich plötzlich umsah und zurück unter den Bauwagen rannte.

Später fand ich heraus, dass das Geräusch von Metall ihn ziemlich erschreckte und er eigentlich nur davor floh – es sei denn er verknüpfte es mit jemandem der im Weg stand. Kalle ist in seinem Verhalten ziemlich gut einzuordnen. Er hat sehr viele Ängste und Unsicherheiten, welche ihn in Zwang ähnliche Abläufe drängen. Er läuft hier auch noch gelegentlich im Kreis oder hortet Gegenstände. Mittlerweile wohnen wir wieder auf unserem eigenen Hof und Kalle fühlt sich hier ziemlich wohl. Wir haben uns gut abgestimmt und seit dem Tag am Bauwagen hatte ich mit ihm nur noch einen Konflikt. Er wollte mit einem uralten Knochen ins Haus. Als ich ihm diesen abgenommen habe, biss er mir natürlich in die Hand. Allerdings schnappte er sie nur auf und hielt sie, recht schmerzhaft für mich, fest. Ich hab die Sache nicht weiter kommentiert und gewartet bis er losließ - was er kurz darauf auch tat. Kalle ist futteraggressiv und wird dies wohl auch immer sein.

Hier hat er eine Box in die er sich zurückziehen kann wann immer er will. Dort lasse ich ihn in Ruhe. Mittlerweile können wir gemütlich zusammen spazieren gehen - lediglich am Rückruf müssen wir arbeiten. Wenn man ihn zu harsch ran ruft flüchtet er völlig kopflos. Ruft man ihn nett schaut er noch nicht mal. Mit Leckerchen geht’s. Kalle hat die Angewohnheit sich aus Unsicherheit einfach hinzusetzen, wenn man neue Wege geht, die er nicht kennt. Doch auch das muss man tun, denn das Aufbrechen alter Strukturen und die souveräne Führung sind für ihn zwar vorerst verunsichernd, vermitteln ihm aber letztendlich eine Sicherheit die von mir ausgeht. Er weiß nun, dass er sich mir anschließen kann – was ein großer Schritt für ihn ist. Sonst hatte er nie jemanden der ihm durchs Leben geholfen hat. Belässt man Kalle in seiner Welt indem man ihn in Ruhe lässt und nichts fordert, verfällt er mehr und mehr in zwanghafte Handlungen. Somit muss man mit ihm in Konflikte gehen und sie mit ihm durchleben – was sehr unangenehm werden kann. Kalle hat sich aber schon sehr gut erholt. Begrüßt mich fröhlich wenn ich nach Hause komme, lässt sich kämmen und sogar hochheben.

Er muss seinen Menschen einfach nur gut kennen um ihm auch folgen zu wollen. Kalle braucht kein Mitleid und keine Menschen, die alles wieder gut machen wollen mit Deckchen und gutem Futter. Er braucht Menschen, die ihm mit Mühe, Konsequenz und guten Nerven wirklich helfen wollen aus seinem Zwang wieder heraus zu finden, einen natürlichen und gesunden Umgang mit Aggression zu haben und den Hund als solchen zu akzeptieren. Kalle ist kein Familienhund und  bestimmt keiner „der sich aber anfassen lassen muss, wenn ich das will“.

Ideal wären Menschen die einen minimalistischen Einrichtungsstil haben, sodass Kalle nicht ständig versucht Dekorationsgegenstände zu horten. Menschen, die einen eingezäunten  Hof oder Garten haben, sodass Kalle einfach mal laufen kann ohne von Kindern oder Leckerchen-Omas gestört zu werden. Kalle ist, wenn er sich nicht mit Futter beschäftigt, verträglich mit Artgenossen und fährt mittlerweile ganz gern mal im Auto mit. Er ist ein gemütlicher Spaziergänger und mag demnach keine ungemütlichen Begegnungen mit Kindern und streichelwütigen Menschen. Er pöbelt nicht an der Leine und macht sich auch nichts aus Wild.

Ich bin mit Kalle schon so weit gekommen und ich weiß, dass er sich noch weiter ins soziale Leben einklinken kann, wenn man ihm die dafür nötige Hilfestellung gibt. Ich will nicht, dass er hier auf dem Hof als einsamer alter Hund sterben muss, der einst aus einer französischen Zuchtstätte befreit und dann vom Tierschutz ruiniert wurde.

Kalle ist mittlerweile geschätzte 16 Jahre alt. Er hört nicht mehr all zu gut und ist auch nicht mehr der schnellste Läufer. Wenn ihm die Gruppe irgendwann zu viel wird werde ich ihn mit ins Haus nehmen. Eine  Vermittlung scheint eher aussichtslos und wäre auch nur sinnvoll, wenn jemand bereit wäre ihn so zu nehmen wie er ist: stur, altersbedingt unsauber, launisch und futteraggressiv. Ich suche auf diesem Weg eher Paten, die ihn unterstützen, wenn er mal Zipperlein bekommt.